Hallo zusammen,

in diesem Beitrag erfahrt ihr mehr über Tall, den Schatten von Ponklor.

Talls Erzeuger ist Koldo Zarkesch, Sohn von Raff und Mari Zarkesch. Raff Zarkesch war Viertelmeister von Obenglack, dem nordwestlichen Stadtviertel Ponklors, in dem vornehmlich erfolgreiche Händler, Gardisten und Mitglieder des Stadtadels in Fachwerkhäusern oder prunkvollen Anwesen leben. Raff war ein untersetzter Mann, der nicht erst im Alter einen gehörigen Bauch entwickelte. Seine Frau Mari, die das Haus mit eiserner Hand in Schuss hielt und ihre zwanzig Bediensteten gerne mit Nähnadeln gepiesackt haben soll, geriet im Laufe ihrer verbitterten Vereinsamung im großen Anwesen der Zarkeschs zusehends in den Bann des Wahnsinns.

Koldo las sie, als er ein kleiner Junge war, ihre grausamsten Gedanken zum Einschlafen vor: „Der Junge lag still im Bett. Seine Mutter saß zu seiner Rechten. Ihre durch die Gicht verformten Finger krallten sich bespannt von ausgezehrter Haut um den spröden Einschlag des Buches. Der Junge sah sie verkrampfen, hörte ihren schnellen Atem und das leise Geräusch ihrer auf die Seiten tropfenden Tränen. Sie knurrte. Sie knurrte. Der Junge zog die Decke hoch bis über die Nasenwurzel – er hätte sie über seinen Kopf gezogen, wenn er der naiven Vorstellung, dann nicht mehr gesehen werden zu können, nicht gerade entwachsen war. Sie knurrte. Klopfend schloss sie das Buch; Staub wirbelte von den geschichtsträchtigen Seiten auf. Ergraute, blinde Augen fielen auf das Kind. Die weißen Haare fielen in Strähnen aus und die Haut gab dem Druck des Sterbens nach. Blut quoll aus Nase, Mund und Augen und ihr erschlaffter Körper fiel haltlos auf den Jungen. Zu schwer, um gehoben zu werden. Zu leblos, um sich noch zu rühren. Der Junge muss elendig verhungern.“

Ein entsprechend gestörtes Kind war Koldo. Mit zwölf biss er einem Huhn den Kopf ab. Zwei Tage zuvor hatte Mari Zarkesch sich ins Bett ihres Sohnes gelegt und sich die Pulsadern aufgeschnitten. In einem Meer aus Blut fand ihr Sohn sie, als er zu Bett wollte. Er hatte nach seinem Vater rufen wollen, aber welchen Sinn hätte das gemacht?

Raff Zarkesch hatte seine Arbeit seit Wochen nicht mehr nach Hause gelassen.

Raff, schon in gehobenem Alter, verwelkte wie eine ausgetrocknete Blume, als er vom Tod seiner Frau erfuhr. Er holte seinen Sohn zu sich in sein Stadthaus, das am Rätemarkt lag. Ein einfaches schmales Giebelhaus in eine Reihe mit vielen weiteren gepfercht, mit einer attraktiven noch jung gebliebenen Magd um die fünfzig, die den maroden Körper eines Neunzigjährigen zu händeln wusste.

Das Anwesen der Zarkesch wurde noch eine Weile von den Bediensteten gepflegt. Raffs Bruder, Oldinger Zarkesch, kam ein paarmal aus Pinita zu Besuch, um nach dem Rechten zu schauen, einige Goldkrüge einzustecken, ein paar wertvolle Bilder „ins Arbeitshaus seines Bruders in der Innenstadt zu überführen“, da er so etwas persönlich machte und keinem Dienstboten anvertraute, da das alles Diebe waren. Als der die wertvollsten Dinge gefunden hatte, kam auch er nicht mehr. Oldinger und Raff sprachen in ihrem Leben nicht noch einmal miteinander.

Raff siechte wenig später dahin und Koldo erbte sein Geld, seine Häuser und seine Position. Als Viertelmeister und Arbeitgeber für 200 Fischer und mehr als 1000 Holzarbeiter in den Wäldern um Ponklor war er als Kind einer der reichsten und mächtigsten Männer der Stadt aufgewachsen. Kanrof Bellbeck wurde als sein Vormund benannt. Dessen Tochter Mari hatte ihn zwar immer verflucht, konnte aber aufgrund ihres Selbstmordes keinen Widerspruch mehr dagegen einlegen. Kanrof war zwar auch schon jenseits der siebzig, aber noch lange nicht so mumifiziert, wie Raff es gewesen war, als er mit Ende sechzig die viel jüngere Mari zur Frau genommen hatte.

Er verwaltete Koldos Vermögen gut und führte die Geschäfte in seinem Namen weiter. Was verloren ging, war die Aufmerksamkeit für Koldo. Dieser las sich fortan jeden Abend selbst Geschichten vor und verstellte dabei seine Stimme, bis sie so hoch und hysterisch klang wie die seiner toten Mutter.

Mit sechszehn metzelte er Kanrofs Hund bestialisch nieder, schnitt dessen Kopf ab und legte ihn seinem Vormund ins Bett. Kanrof zog sich nach Pinita zurück, da er der Karriere seines Enkels nicht im Wege stehen wollte.

Koldos Weg war frei und sein Aufstieg begann – während ein Teil von ihm immer weiter versank. Gewalt wurde für ihn Teil seines Lebens, Teil seiner Bestimmung und Teil einer Idee, die es zu ergründen galt. Er unterhielt eine bescheidende Folterhölle in einer Hütte in einem seiner Wälder. Bis seine administrative Arbeit überhand nahm und er jeden Tag in der Stadt gebraucht wurde. Sein Reichtum und seine Macht wuchsen; sein Hunger nach dem Leid anderer stand dazu in einem proportionalen Verhältnis: Je glücklicher er hätte sein sollen, desto mehr sehnte er sich nach dem Unglück anderer.

Er trieb seine erste Frau Hundifre Zarkesch innerhalb eines Jahres in den Selbstmord. Sie hatte ihm jeden Abend seine Geschichten vorlesen müssen, die von seinen Taten in der Waldhütte erzählten.

Die Garde suchte schon seit Jahren nach dem Schlächter des Waldes. Sie fanden ihn nicht. Und die Löhne für die Waldarbeiter schossen durch die Decke. Ein kleiner Preis, resümierte Koldo.

Hundifre erhängte sich mit dem Seil, mit dem er sie manchmal tagelang im Schlafzimmer fesselte. Er suchte nie den Beischlaf oder zwang sich ihr gar auf. Er genoss es nur, sie dursten und hungern zu sehen.

Mit dreißig Jahren hatte er es geschafft, nur noch Reicher zu werden, ohne noch groß dafür arbeiten zu müssen. Seine Geschäfte in der Stadt verwalteten andere und die harte Arbeit machten sowieso gesichtslose Tagelöhner. Er hatte Zeit und für ihn gab es nichts schöneres als Zeit.

Er renovierte seines Vaters altes Herrenhaus und bezog es. Die Gerüchte vom Spuken seiner toten Mutter rissen zwar nicht ab, aber er fand dennoch einige Bedienstete, die für ihn arbeiteten. Er veranstaltete Bälle und machte sich beliebt. Die Stadtherren und erfolgreichsten Händler des Westens aßen bei ihm zu Abend. Hinter vorgehaltener Hand aber begann man zu munkeln.

Was tat ein junger, gut aussehender Mann dort den ganzen Tag allein? Ein- zweimal die Woche gab es hohen Besuch, aber den Rest der Zeit? Keine Steckenpferde, keine Frau, keine Kinder. Das Spekulieren und das Getuschel begannen. Und die Bediensteten schielten hier und linsten dort.

Eine von ihnen war Tarna Nops, die Küchenchefin. An einem Abend räumte sie den Keller auf und fand blutige Kleidung und einen Eimer voller Haare, die grob herausgerissen schienen. Sie wunderte sich zwar, hielt sich mit Fragen aber zurück. Die reichen Leute waren nun mal wunderlich und gaben sich Frivolitäten hin, die zu erdenken, das arbeitende Hirn keine Zeit hatte.

Ihre sechzehn Jahre alte jüngere Schwester Galatea Nops fing ihre Arbeit als Küchengehilfin zu Koldos 32. Geburtstag an. Sie sah seiner Mutter ähnlich. Die gleichen Augen, Hände und sie hatte sogar die Haare so geschnitten: Hinten lang, mit einem gerade geschnittenen Pony. Sie verliebte sich in ihn und er glaubte, echte Gefühle für sie zu haben. Ehe sie heiraten konnten oder sie ihm seine Schauergeschichten vorlesen musste, wurde sie schwanger. Sie war die erste und einzige Frau mit der er in seinem Leben schlafen sollte. Sexualität war normalerweise zweitrangig für ihn gewesen.

Als sie ihm ihre Schwangerschaft beichtete, kam er ins Grübeln. Er wusste, wie er war. Was für ein Mensch er war und ahnte, sein Sprössling war bestenfalls genauso schlimm. Er würde keine Nacht mehr schlafen können, ohne die Sorge, aufgeschlitzt zu werden, wenn sein dämonisches Kind erst einmal die Flure unsicher machte. Er hatte Angst vor dem, was er zeugen mochte.

Darum wollte er sie umbringen.

Das war allerdings schwerer als erwartet. Tarna versteckte sie gut, bis sie einen gesunden Jungen gebar. Sie brachte das Kind ihrer Schwester ins Heim. In der Nacht fand er Galatea und tötete sie. Tarna verschwand nach Pinita und suchte niemals das Grab ihrer Schwester auf – aus Angst, Koldo könnte dort auf sie warten. Bevor sie Ponklor für immer verließ, bat sie De Wagris, ein Auge auf den Jungen zu haben.

De Wagris war ein guter Freund und Geschäftspartner ihres Vaters, der keine Kinder hatte und sich mit vielen Dingen gut auskannte. Er nahm die Aufgabe an und wachte fortan über den Jungen, der vor seiner Geburt von Galatea auf den Namen Tall getauft worden war. Tarna legte dem Bündel einen Zettel mit der Namensaufschrift bei und verschwand.

De Wagris‘ Arbeit führte ihn regelmäßig in das Heim, in dem Tall aufwuchs. Er behielt ihn im Auge, bis es soweit war, ihn unter seine Fittiche zu nehmen.

Der Schatten von Ponklor im Alter von etwa 30. Das Bild ist ein Fahndungsbild der Stadtgarde, die ihn nachdem er mit Livierra flieht, wegen Mordes sucht.

Gebt Bescheid, falls ihr ihn gesehen habt! Nicht ansprechen, bewaffnet und gefährlich!

 

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